Dienstag, 14. März 2006

Das TKO in überzeugender Form

weinfelden. Claude Villaret hat aus dem Thurgauer Kammerorchester, seit er 2004 zu dessen Dirigenten ernannt wurde, einiges herausgeholt. Sein Beitrag zum Schostakowitsch-Jahr machte aufhorchen.

Schostakowitschs zwei Gesichter: Bekenntnismusiker und augenzwinkernder Unterhalter. Bei der von Rudolf Barshai nach dem 10. Streichquartett transkribierten Streichersinfonie op. 118a, einer Trauermusik, erlebte man das Thurgauer Kammerorchester TKO vorgestern im Rathaussaal von allen Programmnummern am beteiligtsten. Claude Villaret zeigte den Klangkörper als beredten Anwalt klassischer Moderne. Was da im zweiten Satz als Sinnbild der geknechteten Masse und im mit unablässig tanzenden Motiven in Erdenferne übergehenden Finale geboten wurde, war Schostakowitsch auf ansprechendem und durchdachtem Niveau. Intensive Expressivität und Klarheit bewiesen, wie sehr Villaret diese Musik beschäftigt.

Ironische Tonsprache

Schostakowitsch, der grosse Sinfoniker und, wie eben im op. 118, grosse Streichquartettmeister, lebt in den Jazz-Suiten auch die spritzige Seite aus. Dass die Musik von Johann Strauss wirklich genial ist, zu dieser Erkenntnis kam Schostakowitsch erst nach vielen Vorurteilen und huldigt ihm in diesen Suiten durchaus. Das TKO zeigte diesen Aspekt des grossen Russen konzentriert und präzise in der Ausführung ironischer Tonsprache. Zwischen Zirkus, Film, Salon und Ballet: Zu witzigem, rhythmisch mitreissendem und mit Stilempfinden gestaltendem Musizieren konnte Villaret da in jedem Takt anhalten.

Kompakte Natürlichkeit

150 Jahre vor Schostakowitsch erblickte Mozart das Licht der Welt. Schön, dass ein Konzert beide Genies an einem Abend zeigte. Mit Adrian Oetiker hat das TKO einen international tätigen Schweizer Pianisten verpflichten können. Mozarts Klavierkonzert «Jeunehomme» (KV 271) spielt Oetiker brillant, technisch makellos, die Partitur äusserst luzide umsetzend. Allen Sätzen gibt er eine Art kompakter Natürlichkeit. Kadenzen kommen wie aus einem Guss, und Oetikers Lyrik im zweiten Satz ist sehr strukturiert.

Statt allzu grosser Gefühle unterstreicht er die direkte Linie. Der Möglichkeit, sich in Mozart auch einmal zu verlieren, zieht er stets kristallklare Architektur vor. Quirlig kommt da alles daher, mit pianistisch und intellektuell klar durchdachter Gestik. Auf den gänzlich warmen, vielleicht sogar einmal selbstvergessenen Ton will sich Oetiker hier nicht einlassen.

Das TKO bewies bei diesem Klassiker der Klavierkonzerte mehr als bloss präzises Begleiten: Kraftvolle Dialoge und viel Aufmerksamkeit fürs solistische Geschehen. Vor dem «Jeunehomme» gab es als Start der dreiteiligen Konzertreihe Mozarts Divertimento KV 138. Solide, kernig, aber seltsamerweise mit weniger Anteilnahme gespielt als die Schostakowitsch-Nummern, mit denen sich das TKO über das nur Durchschnittliche deutlich erhob.

M. P.

Nächste Konzerte: Frauenfeld (Rathaussaal): Fr, 17. 3., 20 Uhr; Zürich (ZKO-Haus): Sa, 25. 3., 20.15 Uhr.