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Kultur, 25. September 2007

Konzert zum Jubiläum

Beim Jubiläumskonzert «75 Jahre Thurgauer Kammerorchester» in der Kartause zeigte sich der Klangkörper von einem Niveau, das internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht.

Ittingen Das Thurgauer Kammerorchester TKO spielt mit Erfolg in Zürich und im Ausland. Aber es würde sich auch im Kanton selbst die Akzeptanz wünschen, die es anderswo bereits hat. Der international tätige Dirigent Claude Villaret hat das traditionsreiche Orchester seit 2004 von einem Laien- in ein Profi-Orchester umgewandelt. «Möge dem Orchester der Turnaround gelingen», wünschte sich Regierungsrat Jakob Stark vorgestern am Jubiläumskonzert und unterstrich durch seine Präsenz die Anerkennung, die das Thurgauer Kammerorchester beim Kanton hat.

Jazzmusiker zu Gast

Völlig den internationalen Standards stand hielt die Interpretation von Schostakowitschs Kammersinfonie Opus 110a. Claude Villaret präsentierte das Thurgauer Kammerorchester hier als Klangkörper, der überraschend präzise und transparent spielt. Plastisch und geschmeidig zugleich ist der Gesamtklang und sehr organisch das Aufeinandereingehen der einzelnen Streicherregister. Dimitri Schos-takowitschs Kammersinfonie ist ein sehr persönliches Bekenntnis eines grossen Künstlers in den Schreckenszeiten des Stalinismus. Der Komponist bekennt sich mit seinen Initialen D-S-C-H zur Unabhängigkeit der Kunst in Zeiten der Diktatur. Alptraumartig klopfen die Schergen musikalisch an, Trauer und Verzweiflung ordnet der Komponist dennoch immer wieder der Freiheit der eigenen musikalischen Kreativität unter. Bei einer gelungenen Schostakowitsch-Aufführung muss man Gänsehaut bekommen. Das ist hier das Indiz für überzeugendes Musizieren. Bei der TKO-Deutung dieses Werkes trat genau dies ein. Claude Villaret dirigierte eindringlich und doch unaufgeregt, elegant und doch uneitel.

Auch bei der Musik des Esten Jaan Rääts oder bei zwei Sätzen aus Othmar Schoecks Suite für Streicher zeitigte dies einen Orchesterklang voll packender Einprägsamkeit. Zum 75. Geburtstag hat das Orchester den Jazzmusiker Roman Schwaller eingeladen, ein Stück zu schreiben. Der bekannte Tenorsaxofonist als Solist mit einem klassischen Orchester, ein ungewohnter Anblick. In seiner Ballade «Largo Maggiore», mit dem Schwaller kompositorisch erstmals klassische Gefilde betritt, hat er moderat moderne Streicherklänge komponiert. Er lässt die Celli und den Kontrabass kontrapunktisch das Stück eröffnen, mit übermässigen Dreiklängen. Das Thema gleicht einer Art Mini-Hymne, die Schwaller solistisch später aufnimmt. Den Streicherklangteppich, der entfernt an den Musikstil etwa eines Arthur Honegger erinnert, benutzt Schwaller mehr und mehr als Grundlage, um sich im Laufe des Stücks doch deutlich hörbar wieder ins jazzige und improvisatorische Element hineinzuspielen, mit seinen bekannten Sax-Qualitäten natürlich. Mit seinem Opus 1 hat Schwaller ein handwerklich sorgfältiges und eingängiges Klassikstück vorgelegt. Ein eleganter Beitrag zum Geburtstag eines Streichorchesters war das, bei dem sich Schwaller jedoch hörbar einen gewissen inneren Ruck weg vom angestammten Jazz zu den Gefilden der Klassik geben musste.

Ende des Dornröschenschlafs

Der Geburtstagsanlass des Thurgauer Kammerorchesters sollte auch ein Startschuss sein. Das TKO hat überzeugt als Profiorchester mit hohen Standards. Und spätestens nach diesem Konzert müsste allen Thurgauer Konzertveranstaltern ein Licht aufgehen. Es gibt ein profiliertes kantonales Orchester mit Ausstrahlung. «Engagiert es munter im eigenen Kanton», möchte man den Veranstaltern zurufen. Kurz: Man wünscht dem TKO starke Präsenz als musikalischer Prophet auch im eigenen Land, man hofft auf ein Ende des Dornröschenschlafs.

lMARTIN PREISSER